VeloWomen keynote – Emanzipation durch Rad und Raum

Dieser Post fasst meine einleitenden Worte (keynote) für VeloWomen in Berlin 27.04.2019 zusammen. Danke geht an Isabell Eberlein für die Einladung zu der Veranstaltung. In dem Workshop/Netzwerkstreffen riss ich insbesondere vier Themengebiete an.

1. Mobilitätsverhalten

Das spielt sich ab. Außer in den niederländischen und dänischen Städten, legen Frauen weniger Wege als Männer mit dem Rad zurück: in britischen und nordamerikanischen Städten ist es typischerweise 1:4, wohingegen es in Berlin 2:3 ist (1). Ein große Ausnahme unter den 10 größten Städten in Deutschland ist Bremen: hier dürfte das Verhältnis 1:1 betragen. Diese Zahlen machen Sinn, wenn wir uns überlegen, dass das Radfahren von der vorhandenen Infrastruktur und somit der Bereitstellung von Komfort (insbesondere im Gegenspiel zum Autofahren) abhängig ist. Dementsprechend siehts in Kopenhagen und Amsterdam dann auch gut bestellt aus hinsichtlich Radverkehr.

Wenn Vorteile fürs Rad überwiegen, dann werden diese Wege natürlich ganz einfach mit dem Rad gefahren. Frauen legen kürzere Wege zurück, machen mehr Wege und verketten diese auch hintereinander und Frauen fahren mehr im Umweltverbund und gehen häufiger zu Fuß als Männer (2). Somit leisten Frauen schon jetzt (ohne 1:1 Radfahren) einen größeren Umweltbeitrag. Scherz beiseite. Mobilität soll ja kein Wettkampf der Geschlechter sein!

2. Erwartungen

Es ist klar, dass Verkehrsverhalten nicht im luftleeren Raum stattfindet. Gesellschaftliche Ansprüche und Erwartungen werden an Frauen wie auch an Männer gestellt. Zum Beispiel werden Frauen eher als passiv/relational und Männer aktiv/agierend eingestuft  (3,4). Dies sind stereotypische Rollenbilder, aber nicht nur das: Wenn einer oder eine gegen diese Erwartungen verstößt, wird das von der Gesellschaft geahndet (siehe social learning theory). Ich, zum Beispiel, habe das als Ingenieurin oft zu spüren bekommen.

Einerseits sollte ich als „Ingenieur“ agieren und tatkräftig auftreten, anderseits war das mit einer passiven Rollenvorstellung der Frau nicht immer zu vereinbaren. Ich war angeblich zu lautstark oder zu fordernd: Vorwürfe, die aber meine männlichen Kollegen für ähnliches Verhalten nicht zu hören bekamen. Somit war ich, als Ingenieurin, in einer Art Teufelskreis gefangen. Wo ich mich weder wehren konnte (zu agierend) noch mich zurückhalten konnte (die Arbeit musste ja geleistet werden). Schwierig. Paradox. Es dreht sich hier also um einschränkende Rollenbilder. Ich habe dies Einschränkungen auch oft in der Kampagnenarbeit zu spüren bekommen.

3. Entscheidungsebene

Dann kommt noch die politische und technische Entscheidungsfindung dazu. Trotz steigender Zahlen von Frauen in technischen Ausbildungen, ist circa 80% des „economic sector: transport“ männlich bestückt (5). Diese Zahlen sind wichtig, wenn wir es wirklich ernst nehmen mit der Gleichstellung. Es werde andere gesellschaftliche Ansprüche an Frauen gestellt und Frauen haben andere Erfahrungswelten. Dieser Erfahrungsschatz kann aber nicht eingebracht werden, wenn Frauen keine oder nur wenig Teilhabe nehmen können. Andererseits, wenn ein erweiterter Erfahrungshorizont im Entscheidungsprozessen besteht, werden weitgreifendere Lösungen gefunden (6). Gerade in Umbruchsituationen wie die der Verkehrswende, wird Ideenvielfalt belohnt.

Wenn sich Frauen (und auch andere diverse Blickwinkel!) in die sonst männlich dominierten Ebenen der Politik und Verwaltung einbringen, wird eine ganzheitliche Debatte geführt und größere Handlungs- und Lösungsrahmen eröffnet.

4. Die Radbranche

Auch die Radfahrbranche hat noch viel zu lernen. Ich denke da nur an Fahrradläden und wie ich dort wiederholt bevormundet werde. Einen guten, entgegenkommenden, problemorientierten Service erhalte ich oft nicht. Irgendwie läuft es mit der Beratung nicht rund. Mir wird nicht zugehört. Fahrradläden, meiner Erfahrung nach, sind oft eine Bastion der Männlichkeit.

Und auch in meiner Kampagnenarbeit habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht mit meinen Mitstreitern: Die Atmosphäre war oft gereizt mit verletzten Egos. Ein gesamtheitliches, gemeinsames Herangehen wurde dadurch einfach verhindert.

Fazit

Wenn wir RadaktivistInnen immer sagen:

Es geht ja nicht (nur) ums Rad, es geht um die Frage, in welcher Art von Stadt wir gemeinschaftlich leben wollen.

Dann ist das Pendant in der Frauenbewegung:

Es geht nicht ums Geschlecht, es geht um die Frage, in welcher Art Gesellschaft wir leben wollen.

Es geht um gemeinschaftlichen Umgang und welche Diskussions- und Lebenskulturen wir in unserem alltäglichen Miteinander bevorzugen. Das Rad emanzipiert die Gesellschaft. Es ist ein Mittel zur Förderung des demokratischen Miteinanders. Wir brauchen die Umverteilung des Raumes von Autos zum Rad. Denn die Verteilung des städtischen Raumes spiegelt doch auch unsere Gesellschaft wieder. Radwegebau ist das Zeichen einer zwang-befreiten, befreienden – kurzum einer emanzipierten – Gesellschaft.

 

Nachweise

  1. Garrard J, Handy S, Dill J. Women and cycling. In: Pucher J, Buehler R, editors. City cycling. Cambridge, MA, USA: MIT Press; 2012.
  2. FGSV, Krause J. FGSV Gender und Mobilität [Internet]. 1995 [cited 2018 Jun 6]. Available from: https://www.fgsv.de/gremien/verkehrsplanung/grundsatzfragen/111-gender-und-mobilitaet.html
  3. Wood W, Eagly AH. A cross-cultural analysis of the behavior of women and men: Implications for the origins of sex differences. Psychological Bulletin. 2002;128(5):699–727.
  4. Tannen D. You just don’t understand! Women and men in conversation. New York. USA: HarperCollins Publishers; 1990. 342 p.
  5. Eurofound. European Quality of Life Survey 2016 [Internet]. 2018 [cited 2018 Mar 1]. Available from: https://www.eurofound.europa.eu/publications/report/2017/fourth-european-quality-of-life-survey-overview-report
  6. Eagly AH. When Passionate Advocates Meet Research on Diversity, Does the Honest Broker Stand a Chance? Journal of Social Issues. 2016;72(1):199–222.

 

 

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