Das Gesellschaft-Umwelt Model

Nach einigen Gesprächen in Deutschland habe ich nun das Gefühl, dass noch grosser Bedarf darin besteht das Socio-Ecological Model or SEM zu besprechen. Und da es da vielleicht auch eine sprachliche Barriere zu überwinden gilt, gibt es diese Wochen einen Beitrag auf deutsch.

Die Verkehrsforschung im englischsprachigen Raum hat sich recht viel mit dem Thema befasst: Was bringt Verhalten(smuster) hervor? Wo kommt Verhalten her. Wie wird Verkehrsverhalten erzeugt oder gemacht? Wo sind die Ursprünge von Verhalten? Ersteinmal ist es wohl wichtig zwischen Verhalten (behaviour) und Verhaltensmuster (habit) zu unterscheiden. Verhalten ist kurzfristig, vielleicht eher situationsbedingt. Ein Verhaltensmuster ist etwas mehr festgesetztes und langfristiges. Verhalten ist wie man im Straßenverkehr auf die Bedingungen und Situationen reagiert, wohingegen ein Verhaltensmuster es sein könnte, welches Verkehrsmittel man bevorzugt benutzt. Im weiteren, unten, geht es um Verhalten, insbesondere im bezug auf den Verkehrsbereich.

In Gesprächen – und ich bin all meinen wunderbaren Gesprächspartnern wahnsinnig dankbar – fiehl es mir auf, dass der Straßenraum in Hinsicht auf das Verhalten recht schwammig wahrgenommen wird. Eine Konzipierung findet zunächst einmal nicht so recht statt. Unser Blickwinkel ist ich-bezogen, und rechnet einen äußeren Einfluss weniger mit ein. Das äußere was wahrgenommen wird sind Reaktionen (und dann vor allem Bedrohungen) von anderen Verkehrsteilnehmern. Aber die Straßengestaltung wird gar nicht oder nur sekundär wahrgenommen. Das ist wahrscheinlich auch ersteinmal ganz normal: Denn wo soll man auch anfangen, wenn nicht bei sich selbst? Und dann den Bezug auf andere zu erstellen. Das ist beides ganz menschlich.

Der Verkehrsraum teilt sich nun aber in Verkehrsteilnehmer (Schauspieler) und die statischen, gegebenen Elemente auf – also die Infrastrukturen und deren räumliche Verteilung (Bühne). Und mit dieser Spaltung wird es auch interessant, wenn wir darüber reden wollen, wie Veränderung, also Verkehrswende, hervorgebracht werden kann. Ist es das Verhalten (die Menschen) oder ist es die Gestaltung (die Sache, sei sie dann auch technisch, politisch usw), die “bestimmt” was läuft? Und wie spielen diese beiden Elemente zusammen?

Hier kann dann ein Strich gezogen werden. Und zwar zwischen denen, die meinen, es ist eine reine Verhaltenangelegenheit und denen, die sagen “Aber, warte mal, die Umwelt beinflusst doch auch unser Verhalten!”

Auf kurz und ganz lapidar gesagt: Wenn das Haus keine Tür hat, wird es wenige Menschen in diesem Haus geben. Wenn ein Gebäude keine Treppe oder keinen Aufzug hat, werden sich auch wenige im 1.Geschoss aufhalten können. So sieht es im Straßenraum auch aus. Wenn ich in einer Straße nicht Autofahren darf, gibt es in der Regel dort auch weniger Autofahrer. Straßenplanung und -gestaltung ist dafür maßgebend. Wenn ich etwas für den Radverkehr im Straßenraum anlege, dann wird der Radverkehr ermöglicht, gefördert – das Umweltsignal ist: hier wird Radverkehr gemacht, hier wird er ernst gemommen.

Also, die Umwelt bedingt natürlich Nutzung und Verhalten. Das Verhalten, eine Straße überhaupt zu benutzten, und auch das Verhalten zueinander, das Miteinander im Straßenraum. Was sagt die Straße mir? Eine Straße ist einladend. Eine andere Verkehrsfläche kann abschreckend sein.

Was auch ein Thema zu sein scheint ist menschliches Verhalten in bezug auf Rad/Kfz Mischverkehr. Da besteht doch noch Informations- und Aufklärungsbedarf. Wann wird getrennt und wann kann man mischen? Die Unterhaltung kann dann oft kuddelmuddelig werden. Da wird dann schnell mit Fahrradstraßen argumentiert (ist hier in Bremen gerade “in”). Wenn doch eigentlich an dieser Stelle die (durchaus auch technische) Diskussion über Verkehrsstärken und -geschwindigkeiten geführt werden müsste. Eine gute Netzwerkplanung ist da übergreifend und primär ganz notwendig. Etwas mehr zu dem Verfahren hier.

Im Schluss, die Straßenumwelt und dementsprechend ihre (vor)gesetzten Bedingungen (Einladungen und Verbote) in der Verkehrswende und Verhaltensbetrachtung nicht in betracht zu ziehen, heißt, dass es nur eine Teilbetrachtung bleiben wird. Da ist ein Loch. Um eine Gesamtbetrachtung zu erreichen, kann die Umwelt nicht außenvor gelassen werden. Dies sollte eine wichtige Nachricht für Entscheidungsträger sein. Eine weitere wichtige Mitteilung ist wohl auch, dass Menschen zunächst einmal ihren Verkehrsraum nur ich-zentriert betrachten können – es ist gesellschaftlich gesehen (ich und Mitmenschen). Es bedarf bestimmter Anfragen und Anstöße, um diese Fokussierung zu durchbrechen und auf die Umwelt zu lenken, wenn es denn so gewünscht wäre.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s