Eine Nachschrift nach Bremen

Wer hat Angst vorm Auto? Ich fühle mich verpflichtet – als eine starke Befürworterin des Radfahrens im städtischen Nahverkehr – noch ein paar Worte über Bremen zu verlieren. Also folgt dem Loblied noch eine zünftige Abhandlung. Und damit hier auch gar nicht erst was zwischensprachlich verloren geht, geht hier alles ganz auf deutsch.

Es hatte dann doch ein wenig gedauert, Bremen’s Radfahr-Situation vollständig zu begreifen. Eine Handvoll von Tagen wurde ich eskortiert – und das gibt gute Orientierung in der Stadt. Aber am letzten Tag meiner Besuchswoche war ich dann auch mal alleine auf dem Fahrrad unterwegs. Und da sind mir doch einige Schuppen von den Augen gefallen. Zugegebenerweise ist mir das als diplomierte Bauingenieurin fast schon ein wenig peinlich, daß das nahezu eine ganze Woche gedauerte hat mit der Großen Einleuchtung.

Instandhaltung

Um es ganz kurz zu halten: Bremens Radverkehr-Infrastruktur ist sehr alt. Wenig wurde saniert, instand gehalten, nachbessert, geschweige denn: ausgebaut. Es scheint deutlich der Fall zu sein, daß die Bremer Stadtverwaltung die Radfahrwege irgendwann einmal (schätzungweise vor zwei- oder auch drei Jahrzehnten) geschaffen hatte, und dann einfach links liegen ließ.

Die jüngsten Versuche sind eher schüchtern und gehen dem Machtgefälle Auto-Fahrrad aus dem Weg. Das sind die Fahrradstraßen und Radstreifen, die neuestens eingerichtet wurden. Beides macht aber das Radfahren nicht komfortabler oder konfliktfreier.

Die Pflastersteine, Klinker wohl, sind huckelig und uneben auf den Radwegen; das gilt oft auch für die Gehwegplatten auf den Fußwegen (das bekam ich zu spüren, als ich mit einem Rollkoffer zufuß unterwegs war). Natürlich ist der Radweg in vielen Fällen auch nicht breit genug. Mit diesen zwei Mängeln von Huckeln und Enge könnte ich mich auch noch abfinden, wenn da dann nicht die Kreuzungen wären. Es sind die Schnittstellen, die bei der Stadtverwaltung ganz klar nicht angegangen wurde.

Der erhöhte Energieverbrauch und die Umwege- und Distanzempfindlichkeit beim Radfahren wurden von der Stadtverwaltung scheinbar einfach vergessen, oder vielleicht auch nicht richtig begriffen.

Kreuzungen

Die Phasen der Ampelschaltungen sind autogerecht ausgelegt. Eine Grüne Welle scheint nicht zu existieren. Der/die RadfahrerIn muß oft mit langen Wartezeiten rechnen. Auch die niedrig angelegten Fahrradampeln lassen sehr zu wünschen übrig. Und da keine Wartehilfen (z.B. Fußleisten zum Abstützen) angeboten werden, ist es (besonders für den/die ErstbenutzerIn) unklar, wo er/sie anhalten sollte. Das heißt öftermals, daß die Ampel schwer einsehbar ist. Es ist dann einfacher sich an der Fußgängerampel zu orientieren.

Eine ‘Offensive’ der Stadt die Sicherheit der Kreuzungen anzugehen, ist die Radfahrspur an der Schnittstelle zurück auf die Straße zu führen (was auch andere Städte gerade als Lösungsmodel sehen und anwenden). Dies geht jedoch dem komfortablen Radfahren auf den Leib – das Radfahren, das seinem eigenen Raum verdient und das dem Autofahren im Stadtverkehr überstellt sein sollte. Das Verhältnis zwischen Fahrrad und Auto muß also noch viel mehr diskutiert, verstanden und herausgearbeitet werden in Bremen. Nur dann kann dort eine echte und ehrliche Umverteilung des Straßenraumes stattfinden.

Kopenhagen, und vor allem aber Amsterdam, zeigen da ein viel besseres Verständnis und konsequentere Lösungsansätze auf. Diese Großstädte bauen Radwege aus, bauen fahrradfreundliche Kreuzungen und gehen das Auto auch konkret durch “unsichtbare” Methoden an, wie z.B. durch Strategien, die das Autoparken flächendeckend regeln, klar und deutlich.

Fazit

Eins ist wohl allen klar. Radfahren sollte unterstützt und ausgebaut werden.

Als Beispiel möchte ich ganz gerne die Strecke von der Innenstadt zur Universität anführen, die nicht ausreichend stark ausgelegt ist zum Radfahren. Da hat Bremen also noch einiges zu tun. Denn da ist was nachzuholen von den verlorenen Jahrzehnten, die das Radeln irgendwie vergessen oder übergangen haben in der Stadtplanung. Man kann sich halt nicht einfach auf seinen Lorbeeren ausruhen. Andere Städte spitzen ihre Bleistifte, und machen Bremen Konkurrenz.

Es ist schon klar, daß der Kampf um Raum und Platz im Innerstädtischen einfach nicht aufhört. Der geht immer weiter, auch in einer Fahrradhochburg. Also, Bremen muß sich entscheiden. Wer’s Radeln wirklich unterstützen will, muß irgendwann auch das Auto angehen, seinen Raum und Stand. Die leidlich-leidende Beziehung, die der Mensch mit dem Auto hat, muß dann sinngerecht aufgedröselt werden. Konkrete zielgerechte Planung und Anweisung folgt. Folgerichtig kann dann die Gestaltung einer Stadt wirklich fahrradfreundlich ausgelegt, und ausgebaut, werden. Ein neuer Datensatz der Universität Dresden wird demnächst veröffentlicht und ich habe ihn von der Stadtverwaltung Bremen angefordert. Es kann schon sein, daß Bremen’s Numero Uno Status leicht angeknackt ist, und andere Städte kräftig nachlegen.

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4 thoughts on “Eine Nachschrift nach Bremen

  1. Willkommen in der Realität des deutschen Radwegebaus. So wird landauf, landab noch heute genaut und geplant. Wer nach Radwegen ruft, wird genau das bekommen.

    Wer’s Radeln wirklich unterstützen will, muß irgendwann auch das Auto angehen, seinen Raum und Stand.

    Da sind wir uns in der allgemein Form einig, Nur heiß neben den Autoraum noch Fahrradraum bauen, den Status des Autos eben nicht angehen. Aber da werden wir uns nicht einig werden.

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    1. Ich habe auch nicht geschrieben, dass jemand nach schlechten Radwegen ruft, sondern das der Ruf nach Radwegen in Deutschland i. D. R. schlechte Radwege bringt.

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  2. Dann müssen die Rufe nach guten Radwegen eben lauter werden in Deutschland. Was die Holländer und Dänen geschafft haben, können die Deutschen auch. Es gibt keinen guten Grund zu glauben, dass wir es nicht hinkriegen würden.

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